"Whisper with the wind"

Ein Schrei der Hoffnung

Ein Mann mit dem Rücken zum Zuschauer auf einem Felsen. Unter ihm ein Nebelfeld. Dieses Bild hat etwas von Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer": Die Undurchsichtigkeit, das Mystische der Umgebung, die Ehrfurcht vor der Natur. Über solche starken Bilder kommuniziert der ehemalige Kunststudent Shahram Alidi in seinem ersten Langfilm "Sirta la gal ba" ("Whisper with the wind") mit dem Zuschauer.
Die Figuren des Films kommunizieren mit Hilfe von Mam Baldar. Er ist Postbote. Fast jedenfalls. Nur, dass er keine Briefe, sondern Kassetten überbringt. Kassetten, die die Stimmen, Ängste und die Verzweiflung der verschiedensten Menschen auf einer Tonspur festhalten. Sie sind nicht vergänglich wie die geschriebene Nachricht auf dem Wagen von Mam, die im nächsten Augenblick bereits vom Regen abgewaschen wird. Sie erreichen übers Radio die über das weite Land versprengt lebenden Kurden, immer untermalt, getragen vom vorantreibenden Wind. Auf den ersten Blick mögen diese Einzelschicksale nicht genug beleuchtet scheinen. Vielleicht sucht manch einer nach einer Geschichte, die weiter ausgeführt wird. Wie zum Beispiel die eines Soldaten, der Mam bittet, den ersten Schrei seines Kindes für ihn aufzuzeichnen.
Es folgt ein Roadmovie auf den Straßen des Irak, auf den Straßen einer zerstörten Welt, die die Kamera in langen Totalen einfängt. In dieser Welt trifft man an der Seite von Mam immer wieder auf Kreisbewegungen. Wenn die Kamera den Zuschauer mit in den Strudel eines 360-Grad-Schwenks zieht, wenn sie immer wieder nach kreisförmigen Anordnungen sucht, so ist dies womöglich der Ausdruck des ewigen Kreislaufs von Zerstörung und Neubeginn, immer begleitet von aus dem Off dringenden Stimmen auf der Suche nach Hoffnung. Diese Hoffnung teilen sie alle; sie verbindet sie über die großen Distanzen der kargen irakischen Landschaft hinweg. Und so wird der aufgenommene Schrei des Kindes zum Schrei eines ganzen Volkes. Ein Schrei nach Freiheit. Verzweifelt zwar, aber auch hoffnungsvoll.
Hoffnungsvoll darf man auch auf den zweiten Film von Alidi warten, denn mit seinem Debüt beweist er, dass er die Kunst verstanden hat, aus vielen einzelnen Strichen ein poetisches Gemälde zu kreieren. Und vielleicht wird er mit etwas Glück der Caspar David Friedrich des irakischen Kinos.


Frauke Lahmsen, Hölty-Gymnasium Wunstorf